Station 12

Ehemalige Synagoge & GedenktafelIntegration, Ausgrenzung & Ermordung der jüdischen Bevölkerung

Informationspunkt:
- Gedenktafel an der Synagogenstraße

Allmähliche Integration im 19. Jahrhundert
Seit der römischen Zeit siedelten Juden im Rheinland. Im 13. Jahrhundert sind jüdische Siedlungsspuren auch im nördlichen und westlichen Sauerland nachweisbar. Nach dem 30jährigen Krieg kam es zu einer stärkeren jüdischen Besiedlung im Herzogtum Westfalen; erstmals urkundlich erwähnt sind Juden in Schmallenberg seit 1685. 1738 sind hier zwei und bis 1803 drei jüdische Familien nachweisbar.
Nach 1808 nahmen auch die Schmallenberger Juden (aufgrund eines Gesetzes des zu dieser Zeit hessischen Landesherrn) deutsche Familiennamen an. Ihre rechtliche Lage verbesserte sich nach 1815 zunächst nicht: Sie benötigten zur Niederlassung und Heirat besondere Genehmigungen. Unter preußischer Regierung erhielten sie 1841 die bürgerlichen (noch nicht die staatsbürgerlichen) Rechte. Das Judentum galt im Westfälischen Landtag immer noch als unvereinbar mit den Grundsätzen eines christlichen Staates. 
Die preußische Verfassung vom 31.1.1850 schließlich gestand allen Preußen unabhängig ihres religiösen Bekenntnisses bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte zu. Die Ausübung von Staatsämter jedoch, die mit Religionsausübung verbunden waren (Schuldienst, Justizwesen), blieben ihnen verschlossen. 1869 wurde die politische und rechtliche Gleichheit aller Bürger vom Religionsbekenntnis unabhängig festgelegt und mit der Gründung des Kaiserreichs als Reichsgesetz übernommen. 
In Schmallenberg änderte sich das zahlenmäßige Verhältnis von Juden und Christen von 1800 bis 1933 nicht wesentlich: 1818 lebten in Schmallenberg 23 Juden bei einer Gesamteinwohnerzahl von 863 (2,6%). 1855 waren es 27 von 1.032 (2,7%), 1900 45 von 1.690 (2,6%), 1932 52 von 2.334 (2,2%). Auch die evangelische Einwohnerschaft Schmallenbergs stellte in dieser ganzen Zeit eine Minderheit dar, die fast immer noch kleiner als diejenige der Juden ausfiel.
Von der Ausübung von Zunft-Handwerken ausgeschlossen, trieben Juden vorwiegend Handel und waren – aufgrund ihrer religiösen Schlachtvorschriften - vielfach als Metzger und Viehhändler tätig. Zu Beginn der preußischen Zeit waren die Schmallenberger Juden ausschließlich als Fleischer und im Handel tätig. Moses Stern und Emanuel Bamberger handelten gemäß einem Verzeichnis von 1843 mit Textilien und Eisenwaren. 1867 gründeten die Gebrüder Michel und Simon Stern eine Wollspinnerei, die bis 1938 in Familienbesitz blieb. Ein Familienmitglied der Sterns wanderte nach England aus und brachte es dort zum „Strumpfkönig“; Alfred Stern verschaffte der Firma Falke nach 1910 Aufträge. Gesellschaftlich waren die Juden seit ca. 1860 gut in Schmallenberg integriert: 1910 wurde Max Frankenthal als erster jüdischer Bürger Vize-Schützenkönig.

Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ab 1933 begannen die Verfolgungen und Schikanierungen. Die rund 60 jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen wurden immer mehr ausgegrenzt und verfolgt. Polizeiorgane bespitzelten die Synagoge, die Erwachsenen wurden von politischen Rechten ausgeschlossen, die Kinder von offiziellen Feiern und seit 1938 vom Schulunterricht. Im November-Pogrom wurde die Synagoge angezündet. Einige Wohnungen jüdischer Einwohner wurden verwüstet und zerstört; alle jüdischen Männer verhaftet und zum Teil misshandelt.
Ende September 1938 verloren die Viehhändler ihre gewerbliche Zulassung; 1938 musste Familie Stern ihre Textilunternehmen verkaufen, einigen Familienmitgliedern gelang die Auswanderung nach England. Die Fabrik mit rund 100 Angestellten ging nach Verhandlungen mit mehreren Interessenten an Arthur Sterns Schulfreund Franz Falke über. Ab 1939 wurden die arbeitslosen jüdischen Männer zu Zwangsarbeit verpflichtet. Die jüdischen Einwohner Schmallenbergs mussten ihre Häuser aufgeben und in den „Judenhäusern“ Weststraße 1, wo auch bis 1941 die jüdische Schule untergebracht wurde, und Weststraße 30 zusammenziehen. Am 28.4.1942 fand die erste Deportation Schmallenberger Juden nach Dortmund und von dort in Ghettos und Vernichtungslager statt, wo die Mehrheit ermordet wurde. 1943 war Schmallenberg „judenfrei“.

Gedenken
Nach dem Krieg kehrten vereinzelte jüdische KZ-Häftlinge zurück, darunter Hans Frankenthal, der seine Geschichte in der Autobiographie „Verweigerte Rückkehr“ 1990 niederschrieb. 1988 wurde auf die Initiative von Hans Frankenthal an der Stelle der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel für die 36 von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern ermordeten Juden errichtet. Als Zeugnis der Geschichte ist der Jüdische Friedhof im November 2003 in die Denkmalliste der Stadt Schmallenberg eingetragen worden.

An die jüdischen Opfer des Holocaust erinnern auch 36 Stolpersteine.

Synagoge in Schmallenberg um 1935. 1857 errichtet, wurde sie in der Pogromnacht am 10.11.1938 zerstört.

Synagoge in Schmallenberg im Winter.

Fabrikant Arthur Stern mit seinem Werkmeister Franz Störmann.

Mitarbeiterinnen des Betriebs S. Stern nehmen noch Mitte der 1930er Jahre an einer NS-Parade teil.

Aufstellung des Stürmerkastens in Bödefeld 1934.

Jüdische Schmallenberger verrichten zwangsweise Straßenarbeiten.

Deportation Dortmunder Juden nach Riga, Ende April 1942.

Grab Hedwig Goldschmidts auf dem um 1840 angelegten jüdischen Friedhof in Schmallenberg.

Stolpersteine für Max und Adele Frankenthal an der Obringerstraße 14 (10).

Der Schützenhofstaat 1910: rechts neben dem Königspaar Wilhelm und Maria König Vizekönig Max Frankenthal und seine Schwester Selma.

Hans Frankenthal

Ernst und Hans Frankenthal als Kinder um 1929.

Hans Frankenthal wurde 15.6.1926 in Schmallenberg als jüngerer Sohn von Adele Meyer und Max Frankenthal geboren. Der Vater Max (1883-1943) betrieb mit seinen Brüdern Julius, Sally und Josef einen Viehhandel, der fünfte Bruder Emil arbeitete in der zugehörigen Metzgerei. Max war für die Buchführung und Abrechnungen zuständig und galt als „Kopf“ des Unternehmens. 1910 wurde er der erste jüdische Vizeschützenkönig von Schmallenberg. Die Eltern Max und Adele heirateten 1924; noch im selben Jahr wurde der älteste Sohn, Ernst, geboren. 1927 zog die Familie in ein eigenes Haus an der Obringhauser Straße 10 (heute 14).
Am Pogrom vom 10.11.1938 wurde der Vater Max verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht; der 15jährige Bruder Ernst kam am 11.11.1938 für fünf Tage in „Schutzhaft“. Da in der Progromnacht die Synagoge in Schmallenberg zerstört worden war, stellten zunächst  Adele und Max Frankenstein ihr Haus für den Gottesdienst zur Verfügung; Hans feierte dort im Juni 1939 seine Bar-Mizwa-Feier. Kurz darauf setzte sich die Stadt Schmallenberg im Zuge der „Arisierung“ in den Besitz des Frankenthal‘schen Hauses; die Familie musste in das „Judenhaus“ Weststraße 30 umziehen. Bereits 1938 war Hans aus der katholischen Schule ausgeschlossen worden. Der Vater schickte Hans und Ernst zu einer Schlosserlehre nach Dortmund um die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten; die beiden wurden aber schnell zu Zwangsarbeit verpflichtet; die Auswanderung kam nicht zustande.
Am 28.2.1943 wurden Max und Adele sowie ihre Söhne Ernst und Hans von der Gestapo verhaftet. Ein Deportationszug brachte sie von Dortmund ins KZ Auschwitz-Birkenau. Dort wurden Max und Adele als „arbeitsunfähig“ selektiert und sofort in die Gaskammer geschickt und ermordet. Ernst und Hans kamen in das Arbeitslager Auschwitz III – Monowitz (Buna-Werke der IG Farben). Beide Brüder überlebten die schlimmen Jahre in verschiedenen KZs als Zwangsarbeiter unter unvorstellbaren Bedingungen. An den Zähnen von Hans wurden medizinische Versuche durchgeführt. Am 18. Januar 1945 wurden die Gefangenen aus Auschwitz-Monowitz auf einen Todesmarsch Richtung Westen geschickt. Sie kamen in das KZ Dora-Mittelbau und wurden bei der Fertigung der V2-Raketen eingesetzt. Im April wurden er und sein Bruder Richtung Theresienstadt transportiert, wo die Brüder am 2. Mai von der Roten Armee befreit wurden. Im Juli 1945 kamen sie nach Schmallenberg zurück. Beide wohnten wieder im Elternhaus an der Obringhauser Straße.  Die Brüder erhielten das Elternhaus zunächst nur zur Nutzung, und nicht als Eigentum zurück: Die Stadt wollte zunächst unter anderem den Spottpreis, zu dem sie 1939 das Haus den Frankenthals abgekauft hatte, zurückerstattet haben. Erst seit 1950 waren die Brüder hälftige Besitzer ihres Elternhauses.   
Hans heiratete im September 1948 Anni Labe aus Berlar, Kreis Meschede (+22.09.1926, katholisch). Sie hatten drei Kinder: Adelheid (*19.02.1950), Hans-Dieter (15.12.1952) und Anita (*19.02.1954). Die Kinder wurden katholisch erzogen. Hans führte wieder einen Viehhandel und betrieb bis in die 1970er Jahre eine Schlachterei. Dabei wurde er von seiner Frau unterstützt. 1976 entschieden sich Hans und Anni zur Scheidung.
Die beiden Brüder reagierten auf das Verhalten der Schmallenberger nach ihrer Rückkehr sehr verschieden. Während Ernst für Jahrzehnte verstummte und schwieg, sprach Hans über das erlittene Unrecht, die fast tägliche Todesnot und das Unrechtssystem, stieß dabei aber auf viel Unverständnis und Unglauben seitens seiner Mitbürger. Viele Schmallenberger verdrängten wie auch viele Deutsche nach 1945 die Verfolgung und Vernichtung der Juden aus ihrem Bewusstsein: Es herrschte angesichts des Holocausts eine Mischung aus Nicht-Wahrhaben-Wollen, Ignoranz, Unbelehrbarkeit, Wegschauen, in dem zeitweise auch noch alter Antisemitismus aufblitzte.
Hans kehrte als 19-jähriger in die Stadt zurück, die er als seine Heimatstadt ansah und empfand die vorgebliche Ahnungslosigkeit der alten Nachbarn und Bekannten als befremdend und unehrlich; das Nicht-Wahrhaben-Wollen seiner Berichte empfand er als erneutes Unrecht. Auf Behörden und deren Vertreter, oft noch dieselben wie vor 1945, reagierte er schnell aggressiv und abweisend. Auch er verstummte immer mehr und passte sich an: 1958 wurde er Vizekönig im Schützenverein.  
Erst in den 1980er Jahren begann er wieder über seine schlimmen Erfahrungen zu reden und nun auch zu publizieren. Er engagierte sich im Landesverband der jüdischen Kultusgemeinden Westfalens, als Beauftragter der jüdischen Friedhöfe in Westfalen und im Vorstand des deutschen Auschwitzkomitees. In den 1990er Jahren trat er auch mehrmals an Aktionärsversammlungen der Abwicklungsgesellschaft der I.G. Farben auf, wo er seine Erfahrungen schilderte und eine Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter forderte. 1999 erschien seine Autobiographie unter dem Titel „Verweigerte Rückkehr. Erfahrungen nach dem Judenmord“.
Hans Frankenthal starb am 22.12.1999 in Dortmund und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Eilpe begraben.